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Neue Tram für Brest

Am 23. Juni 2012 wurde ein weiterer neuer französischer Straßenbahnbetrieb eröffnet, und zwar in der bretonischen Hafenstadt Brest. Das Projekt steht exemplarisch für die moderne Straßenbahn als kombiniertes Verkehrs- und Städtebauprojekt sowie als Antwort auf urbane Strukturprobleme.  

Wie in den meisten europäischen Großstädten gab es auch in Brest schon früher einmal Straßenbahnen, doch wurde der Betrieb 1944 kriegsbedingt eingestellt und danach nie wieder aufgenommen. Ende der 1980er-Jahre begannen ernsthafte Planungen zur Neueinführung, die Zeit war aber noch nicht reif dafür, zumal es damals in Frankreich anders als heute kaum Städte gab, die als Vorbild dienen konnten.

Oberbürgermeister als treibende Kraft

Bahn frei - Bürgermeister Cuillandre eröffnet das neue Straßenbahnnetz.

Für den erfolgreichen zweiten Anlauf brauchte es einen überzeugten Oberbürgermeister. Dies war der 2001 ins Amt gewählte François Cuillandre, der die Straßenbahn zu einem Schwerpunkt seines Mandats machte. Nachdem 2006 eine öffentlich-private Projektgesellschaft eingerichtet werden konnte, ging es sehr zügig voran: 2007 wurden drei Generalunternehmer benannt, 2008 die Fahrzeuge bestellt und 2010 die Bauarbeiten begonnen.  

Die Eröffnung der Straßenbahn wurde im Juni 2012 ein ganzes Wochenende lang mit großem Tamtam gefeiert. Frühzeitig legte man in Brest sehr viel Wert auf eine möglichst enge Einbindung der lokalen Wirtschaft und der Anwohner, womit die Ausräumung so mancher projekttypischer Widerstände möglich war. In einem eigens eingerichtetes Infozentrum wurden mehr als 100.000 Besucher empfangen, darunter 300 Schulklassen und 170 verschiedenste Gruppierungen.

Lebensqualität und Stadterneuerung

Die Ziele, die die Stadt Brest mit ihrer neuen Straßenbahn verfolgt, sind vielfältig. Natürlich steht zuallererst der Anspruch an ein attraktives und umweltfreundliches Verkehrsangebot als echte Alternative zum Auto. Dazu kommen die Verbesserung der städtischen Lebensqualität und eine Aufwertung des öffentlichen Raums. Brest ist nicht unbedingt eine klassische Schönheit, Kriegszerstörungen und Rezessionen haben in der industriell geprägten Stadt ihre Spuren hinterlassen, seit 1975 schrumpfte sie um etwa 25.000 Einwohner. Die Straßenbahn soll nun eine umfassende Attraktivitätssteigerung bringen, man erhofft sich eine erhebliche Dynamik für die Stadterneuerung. Entlang der Trasse wurde der gesamte Straßenraum neu gestaltet, insgesamt 1.600 Bäume gepflanzt und Grünräume mit einer Gesamtfläche von etwa 26 Fußballfeldern angelegt.  

Dazu kommen sieben Großkunstwerke als neue Landmarken. Hervorgehoben wird die einmalige Gelegenheit, das in den 1970er-Jahren gebaute Problemviertel Pontanézen besser in die Stadt zu integrieren, eine Hochhaussiedlung mit 95% Sozialwohnungsanteil. Zudem soll die Straßenbahn die traditionellen Viertel besser mit den wildwuchernden Gewerbe- und Fachmarktgebieten in der Peripherie vernetzen. Andererseits wird ihr auch ein hoher Stellenwert zur Dynamisierung der lokalen Wirtschaft eingeräumt. Man verweist dabei auf einschlägige Untersuchungen anderer französischer Straßenbahnstädte, nach denen überall eine starke Belebung der Stadtkerne mit entsprechenden Umsatzsteigerungen erreicht werden konnte. Auch der Bau selbst hatte erhebliche wirtschaftliche Effekte. Mehr als 90% der am Projekt beteiligten Firmen kamen aus der Region. Man geht davon aus, dass für den lokalen Mittelstand ein Umsatz von 150 bis 180 Millionen Euro stimuliert werden konnte.

Die neue Strecke

Die nun in Betrieb stehende Straßenbahnlinie ist inklusive einem kurzen Abzweig 14,3 km lang. Mit ihrer Ankunft wurde gleichzeitig das Busnetz restrukturiert und ebenfalls ausgebaut. Das ÖPNV-Angebot stieg dabei um insgesamt etwa 11% an, Bus und Bahn sind nun an rund 80 Lichtsignalanlagen bevorrechtigt. Alles in allem investierte man 383 Millionen Euro, darin enthalten sind auch die Fahrzeuge, der partielle Neubau einer Hebebrücke über den Innenhafen und die vielfältigen Stadterneuerungsprojekte entlang der Trasse. Zügig soll nun mit dem Bau einer rund 8 km langen zweiten Linie begonnen werden.

Mit 140.000 Einwohnern in der Kernstadt bzw. 220.000 inklusive Umland ist Brest nicht wesentlich größer als Bremerhaven, kann also durchaus als übertragbares Beispiel herangezogen werden. Was die beiden Städte deutlich unterscheidet, ist die Bevölkerungsverteilung: In Brest werden von der ersten Straßenbahnlinie lediglich 27% der Bevölkerung direkt erreicht, da sich die Einwohner recht flächiger im Raum verteilen. Diesbezüglich hat Bremerhaven wesentlich bessere Voraussetzungen.

 

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